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Zone

Folgt man der Herkunft des Wortes, landet man bei Gürteln, synonym Streifen. Im Allgemeinen geht man von Gebieten aus, die sich äußerlich wahrnehmbar voneinander unterscheiden, streng genommen jedoch als Teile eines Ganzen zusammengehören. Bereits hier reicht die Spannweite von gemäßigt über baumlos bis zu entmilitarisiert. Das Konzept lässt sich nahtlos übertragen auf andere Bereiche, sofern sie nur räumlich sind, nehmen wir ruhig die erogene Zone. Es braucht lediglich eine von ihrer Umgebung sich abhebende Fläche oder Schicht und das entsprechende sich unterscheidende Merkmal.
In einer lexikalisch festgelegten zweiten Bedeutung verweist Zone auf die Befehls- und Einflussbereiche der Siegermächte, in die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeteilt worden war. Sofern im Singular und mit bestimmten Artikel, verkürzt man die Sowjetische Besatzungszone zu Zone. Allein in dieser Bedeutung wirkt sie umgangssprachlich fort. Zonengrenze meint immer die frühere Grenze zur DDR, Zonenrandgebiet das sich entlang dieser Grenze erstreckende Gebiet. Zone ohne Artikel wird hier zu einem Wort für ein Lebensgefühl.
Zone heißt über sich in ihr zu sprechen wie über ein Phänomen. Zone ist, woher man kommt und sich womöglich nach wie vor befindet, ein Dasein, über das man sich ironisch hinwegsetzt, eine Außensicht der Innenwelt, ein Paradoxon, normalerweise schaut man nicht auf und aus sich zugleich. Als sähe man sich eine im Bernstein eingeschlossene Inkluse an. (Für die Wahrnehmung der Gestalt des zur Inkluse gewordenen Insekts ist die Frage nach dem Innenleben belanglos, zumal dieses längst verrottet ist.) Zone hängt einem nach, bricht man aus ihr auf, wird man weiterhin von den Bedingungen ausgewiesen, selbst wenn man es aus Neugier tut. Denen, die zuziehen, bietet sie dafür einen Neuanfang. Zone ist übertragbar auf andere Gegenden und ihre Bewohner, etwa die Welt der Indianer, die in Reservationen gesperrt wurden, wie auch der Südstaaten, die den Unabhängigkeitskrieg verloren hatten, nicht zuletzt des Pionierlandes, das Goldgräber und Abenteurer anlockte, die die Einheimischen aus ihren angestammten Gebieten verdrängten, indem sie ihnen die Lebensgrundlagen nahmen. ( Seltsamerweise funktioniert der Transfer von der Perspektive der Indianer auf die Perspektive der Südstaatler nahtlos.) Zone, erklärte mein marokkanischer Nachbar mir im französischen Studentenwohnheim, macht euch bis heute sichtbar, ihr färbt eure Haare und kleidet euch farbiger. Zone war das Areal einer Jugend, die sich von einer Stuttgarter oder Münchner Jugendkultur derart unterschied, dass man für seine Überzeugung entweder zusammengeschlagen wurde oder andere zusammenschlug. Als Gegensatz zur Selbstsicherheit einer niemals hinterfragten Welt kann sie zu einer Erfahrung werden, die es einem ermöglicht, die Denkrichtung zu ändern, verbunden mit dem Wissen, sich seiner Sichtweise niemals sicher zu sein. Die Erfahrung, sich im Gegensatz zu einer niemals hinterfragten Welt seiner Sichtweise nicht mehr sicher zu sein, ist unangenehm und führt nicht zur Zufriedenheit. Zone macht es möglich, dass erlebte Demütigung, gepaart mit Selbstmitleid, eine Gefühligkeit erzeugen, die einem den Freibrief ausstellt, denen zu folgen, die daraus national befreite Zonen machen. Und endlich gibt es wieder einen Plural! Zone galt von drüben betrachtet als nettes gesellschaftliches Experiment, dem mancher mit Sympathie zusah, perfekte Laborbedingungen, denn es kam ja niemand raus. Allerdings sind die Nachwirkungen nicht ohne, denn mit dem Mauerfall ist auch die BRD als Teil eines größeren Ganzen wieder zur Zone geworden, sie nimmt diese neue Rolle einfach nur sehr zeitverzögert an. Zone bleibt Raum für Zuschreibungen, die sie am Verschwinden hindern. Relativ neu sind die Naturschutzzonen als grüne Gürtel der ehemaligen Grenze, wo Gras über die Sache wächst, einfach Gras, das sich wortlos zwischen die Ritzen einer jeden Betonplatte schiebt. Ein Gürtel dient dem Zusammenhalt. Um ihn zu schließen, muss nur an einer Stelle eins ins andere greifen.

Zone.